Bevor Perspektive entsteht.
Was bedeutet es, ein zufriedenes Leben zu führen? Wenn wir uns einen glücklichen Menschen vorstellen, sehen wir vielleicht das Bild einer Person, die unentwegt lächelt und immer gut drauf ist. Oder wir denken an einen wohlhabenden und erfolgreichen Menschen, dem ein hohes Maß an gesellschaftlicher Anerkennung zuteil wird.
Es scheint, als würden wir das Äußere für einen verlässlichen Hinweis auf das Innere halten. Dabei erleben viele erfolgreiche Menschen trotz äußerer Erfüllung ein Gefühl von Leere oder Getriebenheit. Nicht selten entstehen daraus kompensatorische Verhaltensweisen. Und dass jene, die dem Anschein nach immer positiv wirken, tief im Inneren vielleicht gar nicht wirklich zufrieden sind.
Ich bezweifle nicht, dass Reichtum und Anerkennung bestimmte Bedürfnisse erfüllen können, aber lassen sie uns das doch einmal etwas genauer untersuchen und dafür gleich ins höchste Regal greifen.
Elon Musk gilt augenblicklich als der reichste Mensch der Welt. Ist er auch der Zufriedenste? Offensichtlich nicht, in mehreren Interviews bekennt sich Musk zu mentalen Störungen zu Verlustängsten und nächtlichen Panikattacken, gegen die er regelmäßig Schlafmittel einnehmen müsse.
Geld, Erfolg und eine positive Erscheinung sind offenbar nicht mit Glück gleichzusetzen. In religiösen, spirituellen und esoterisch geprägten Kreisen wird gerne darauf hingewiesen, dass wahres Glück nicht im Äußeren zu finden ist. Ich habe den Eindruck, dass es allerdings unendlich verlockend bleibt, genau dort danach zu suchen – und zu scheitern.
Ich muss dabei an meine tschechische Tante denken. Sie hat Diabetes. Wenn ich sie frage, wie es ihr geht, erzählt sie häufig von den Beschwerden ihrer Krankheit. Als ich sie vor einiger Zeit besuchte, saß sie gerade mit einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte am Küchentisch und aß sie mit sichtlichem Genuss. „Aber Tantchen“, sagte ich, „und was ist mit deinem Zucker?“ Sie lächelte verschmitzt wie ein kleines Mädchen: „Nuo, aber schmeckt doch so gut.“
Ich liebe diesen Satz: Aber schmeckt doch so gut - und meine Frau und ich zitieren ihn gerne scherzhaft, wenn wir etwas Unvernünftiges tun. Weil ich glaube, dass wir alle manchmal genau so sind. Wir wissen eigentlich, was uns nicht guttut. Und trotzdem greifen wir danach. Vielleicht aus Ignoranz. Vielleicht, weil etwas in uns für einen kurzen Moment lauter ist als jede Vernunft und wir nach dem „Quick Fix“ suchen.
Das Diktat der Bilder.
Aber warum sind wir so anfällig für diesen Sound? Womöglich, weil wir um uns herum unentwegt mit einem solchen Narrativ konfrontiert sind – unter der Verwendung des mächtigsten Mittels nach der Erfindung der Schrift: den technischen Bildern. Ob klassische Fotografie, Kino, Plakatwände oder die digitalen Bildströme von YouTube und Social Media – überall und ständig sind wir ihnen ausgesetzt und verinnerlichen ihre Erzählung: Glück und Zufriedenheit sind im Außen zu finden! Diese Annahme scheint fast Teil unserer DNA geworden zu sein.
„So ist es gewesen“, ruft uns die Fotografie zu. Gerade diese scheinbare Unmittelbarkeit, die in ihrer technischen Entstehung begründet ist, verleiht ihr bedingungslose Überzeugungskraft. Zudem gibt es die verbreitete Ansicht, dass Glück zu Erfolg führt und dass das eine das andere bedingt, sich sozusagen gegenseitig anzieht. Mit dem richtigen Mindset, dem richtigen Framing könne man beides gewissermaßen hervorbringen. Eine solche Erklärung bildet zugleich die Grundlage des Geschäftsmodells zahlreicher Coaches und Lebensberater. Diese Logik hat tatsächlich eine große Strahlkraft, und sie ist zum Teil auch berechtigt – vermutlich vor allem deshalb, weil sie Hoffnung verspricht. Aber liegt hier wirklich eine Gesetzmäßigkeit vor, ein „Tschakka-Effekt“?
Eine interessante Hypothese wäre die Umkehrung dieses Gedankens, also die Anwendung des sogenannten Kopfstandprinzips: Was wäre, wenn Menschen mit einem besonders großen Bedürfnis nach Anerkennung und Sicherheit überproportional viel Energie in äußeren Erfolg investieren? Wenn sie die Werkzeuge unserer Leistungsgesellschaft virtuos beherrschen – nicht aus Stärke, sondern aus der Hoffnung, endlich genug zu sein? Vielleicht erklärt das, warum hinter jedem erreichten Ziel bereits das nächste wartet. Nicht, weil Erfolg wertlos wäre, sondern weil wir von ihm etwas erhoffen, das er gar nicht geben kann.
Pauli, eine bemerkenswerte transsexuelle Frau und ehemalige suchtkranke Sex-Workerin aus meinem erweiterten Bekanntenkreis, pflegte über unseren Umgang mit dem Glück zu sagen:
„Wir bekommen ein Geschenk und erwarten dafür eine Belohnung.“
Ich denke oft an dieses Zitat und bin fasziniert darüber, wie ich immer wieder Parallelen zu meinem eigenen Leben finde.
Studien zeigen, dass Dankbarkeit, gute soziale Bindungen, Sinn und Gesundheit die zentralen Faktoren für anhaltende Zufriedenheit sind – nicht Reichtum, Anerkennung oder Macht. Es bleibt dennoch schwierig, Glück zu beschreiben. Muss man sich gut fühlen, wenn man glücklich ist? Gefühle sind so unbeständig, als würde man versuchen, Luft festzuhalten. Vielleicht hat Glück doch nur ganz am Rande mit Emotion zu tun. Dann wäre das gute Gefühl nur ein zufälliges Nebenprodukt.
Zufriedenheit ist da schon einfacher, da das Wort bereits die Bedingungen vorgibt: Es muss etwas mit Frieden zu tun haben. Also das Gegenteil von Unruhe oder Stress im mentalen und persönlichen Kontext. Wo finden wir diesen Frieden?
Kontrolle versus Resonanz.
Offenbar spielt Perspektive eine größere Rolle, als wir vermuten. Das Konzept der Synchronizität von Carl Gustav Jung besagt, dass unsere innere Welt und äußere Ereignisse sich auf eine Weise entsprechen können, die nicht rein zufällig wirkt – bedeutsame Zufälle, die nicht kausal verbunden sind, aber subjektiv als sinnvoll zusammengehörig erlebt werden. Jung eröffnet hier eine Perspektive, die ich für äußerst beachtlich und anziehend halte. Für mich ist das eine Deutung, geprägt von tiefer Demut.
Das Konzept der Synchronizität wird jedoch gerne anders ausgelegt: Nämlich derart, dass wir die Kontrolle über unser Schicksal haben, indem wir die innere Welt so einstellen, dass die äußere Welt unseren Wünschen entspricht. Eine Art innere Fernbedienung. Ich glaube aber, dass Jung dies gar nicht behauptet, sondern dass diese Lesart erneut unserem modernen Filter entspricht.
Was wäre, wenn Synchronizität weniger Kontrolle bedeutet als Resonanz? Und wenn wir mit dieser Idee das Leben als Geschenk erfahren, sodass wir unser inneres Erleben mit den äußeren Ereignissen in einer Geste von Dankbarkeit synchronisieren? Das wäre dann ebenfalls ein Werkzeug, hätte aber eine vollkommen andere Setzung. Während das eine versucht, die Realität den eigenen Vorstellungen zu unterwerfen, beschreibt das andere eine Haltung der Annahme des Lebens zu seinen Bedingungen.
Ich möchte gerne noch eine zusätzliche Dimension einbringen: Angenommen, Glück ist nicht das Ergebnis von Erfolg. Angenommen, es ist auch nicht das Ergebnis bestimmter Lebensumstände. Glück ist nicht einmal deine Perspektive – sondern das, was du bist, bevor jede Perspektive entsteht. Etwas, das du nicht erreichen, sondern nur erkennen und erleben kannst. Jeden Tag aufs Neue.
Das wäre eine radikale Sichtweise, die bestätigen würde, dass absolut nichts von Dauer ist und nichts von außen dich glücklich machen kann. Ich glaube nicht, dass wir in Entbehrung leben müssen, um zufrieden zu sein. Ich glaube vielmehr, dass die Fähigkeit, sich selbst zurücknehmen zu können, einen erheblichen Beitrag zum eigenen Wohlsein – und zum Wohlsein anderer – leistet.
„Renounce and Rejoice“, fasst einen Vers aus den Upanishaden zusammen – also: Genieße, ohne anzuhaften. Das scheint mir ein tiefgründiger und sehr kluger Leitgedanke zu sein, der genau diese Sichtweise proklamiert. Ein Leben im Bewusstsein eines größeren Ganzen.
Das harte Problem des Bewusstseins.
Was eigentlich ist Bewusstsein? An dieser Stelle komme ich immer wieder auf Thomas Nagel zurück. Er stellt in seinem viel beachteten Aufsatz „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ eine Frage, die mich seit Langem beschäftigt. Er kritisiert darin einen rein physikalistischen Ansatz, der behauptet, Bewusstsein lasse sich vollständig auf physikalische Prozesse reduzieren. Er bestreitet dabei nicht, dass das Gehirn physikalisch funktioniert, sondern argumentiert, dass dabei die Erste-Person-Perspektive verloren geht. Der Aufsatz hat die Debatte über Bewusstsein nachhaltig geprägt und beeinflusst bis heute Diskussionen über das sogenannte „harte Problem des Bewusstseins“: die subjektive Erfahrung (Qualia), künstliche Intelligenz und die Frage, ob objektive Wissenschaft subjektives Erleben vollständig erklären kann.
Nagel gibt darauf absichtlich keine endgültige Antwort. Er sagt im Grunde genommen: Wahrscheinlich hängt Bewusstsein eng mit dem Gehirn zusammen. Aber unsere jetzige naturwissenschaftliche Beschreibung reicht nicht aus, um das subjektive Erleben zu erklären. Der überwiegende Teil der Neurowissenschaft vertritt indessen genau diesen physikalistischen Ansatz: Bewusstsein entsteht im Gehirn, lässt sich mit neuronalen Korrelaten messen und erklärt sich durch den evolutionären Vorteil, den es uns verschafft.
Ich bin der Ansicht, es gibt noch einen anderen, persönlichen Weg, sich dem Bewusstsein zu nähern. Ohne wissenschaftliche Messgeräte, sondern durch das Erleben selbst. Über die subjektive, kreative Ebene. Die Ebene der Intuition und des inneren Erlebens. Über eine Art Verschmelzung mit dem Objekt – so wie du es vielleicht beim Musikhören oder beim Singen wahrnimmst, oder in der Natur, wenn du in einem See schwimmst. Wenn wir im Flow sind, jenseits des Denkens, eins mit dem, was wir tun. Kein Denken, keine Zeit, kein Raum – nur Erleben.
Angenommen, Bewusstsein ist formlos und ohne Eigenschaften. Dann ist die letztgültige Antwort deshalb so schwer zu finden, weil Bewusstsein eben kein Objekt ist, welches Attribute besitzt – sondern das formlose Subjekt, das Wahrnehmung überhaupt erst ermöglicht.
Es ist die stille Erkenntnis, dass das, wonach wir suchen, nie woanders war als in uns selbst. Vielleicht beginnt das Wesentliche genau dort, wo Perspektive noch gar nicht entstanden ist. Nämlich da, wo du jetzt bist – im gegenwärtigen Moment.
Piet Franzius-Truhlar