Skala Unvermessbar.
Jede Wissenschaft beginnt mit einer Ordnung.Sie trennt, benennt und kategorisiert.
Nicht, weil die Wirklichkeit tatsächlich aus Kategorien bestehen würde, sondern weil wir sie sonst nicht untersuchen können.
Auch in der Psychologie folgen wir diesem Prinzip. Sie beschreibt das menschliche Erleben anhand von zehn Elementarfunktionen.
Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Denken, Wahrnehmung, Antrieb und weitere Bereiche bilden gemeinsam eine Ordnung, die uns hilft, psychische Phänomene zu verstehen und klinisch einzuordnen.
An ihrem Anfang steht das psychologische Bewusstsein. Es gilt als die grundlegendste aller Elementarfunktionen und bildet die Voraussetzung für die weiteren und markiert die Schnittstelle zur äußeren Welt
Um Bewusstsein weiter zu beschreiben, unterscheidet die Psychologie verschiedene Grade seiner Einschränkung und kategorisiert diese in einer Skala des Verlustes:
Benommenheit, Somnolenz, Sopor und Koma.
Je stärker das psychologische Bewusstsein abnimmt, desto geringer wird die Präsenz zur äußeren Welt.
Diese Ordnung ist sinnvoll erstellt uns ein Gerüst, um die Störungen zu eizuordnen. Dennoch frage ich mich, ob nicht bereits ihre Form folgende Annahme enthält. Nämlich die, dass Entwicklung linear gedacht wird.
Das folgende Gedankenexperiment erörtert die Frage: Was verändert sich, wenn wir dieselbe Ordnung in einer anderen Form betrachten?
Es erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch und versucht auch nicht eine bessere Theorie des Bewusstseins zu formulieren.
Es fragt lediglich:
Stellen wir uns vor, diese Skala wäre keine Gerade, sondern eine Kurve. Ein Kreis oder vielleicht sogar eine Spirale. Andere Formen eröffnen andere Bedingungen und Möglichkeiten. Eine Gerade beispielsweise besitzt einen Anfang und ein Ende.
Ein Kreis jedoch kennt Wiederkehr. Eine Spirale verbindet beides. Sie kehrt zurück und bleibt dennoch niemals dieselbe. Mit jeder neuen Dimension verändert sich nicht nur die Figur.
Es verändert sich auch der Raum, in dem wir sie betrachten. Vielleicht gilt das nicht nur für Geometrie. Vielleicht gilt es ebenso für unser Denken.
Wachheit
Benommenheit
Somnolenz
Sopor
Koma
Wachheit
Benommenheit
Somnolenz
Sopor
Koma
Wachheit
Benommenheit
Somnolenz
Sopor
Koma
Wachheit
Benommenheit
Somnolenz
Sopor
Koma
Wachheit
Benommenheit
Somnolenz
Sopor
Koma
Wachheit
Benommenheit
Somnolenz
Sopor
Koma
Wachheit
Benommenheit
Somnolenz
Sopor
Koma
Ich hab hier exemplarisch 7 Zyklen untereinander gelistet, um ein Äquivalent mit den 7 Begriffen zu setzen. Interessanterweise entsteht durch das Schriftbild visuell eine Art zweidimensionale Helix. Stellen sie sich die Helix nun als endloses Gebilde vor und verdrehen sie sie auf ihrer Längsachse dann entsteht eine dritte Dimension. Wir hatten bereits proklamiert, dass die Form keine Gerade ist und sich deie Enden somit irgendwann wieder treffen werden. Ein ewiger Zyklus
Diesem Gebilde könnten wir jetzt gedanklich eine weitere Ebene hinzufügen, einen weiteren Raum. Das ist der Raum um die Helix herum. In der Kunst nennen wir ihn den Negativraum – jene Dimension, in der das psychologische Bewusstsein eingebettet ist, es überhaupt existiert.
Das Gewahrsein ist kein Zustand auf einer Skala, sondern die Dimension, in dem die gesamte Ordnung ihren Platz findet.
Es liegt jenseits von Messwerten. Es ist nicht zu fassen – nur zu erfahren.
Sehen sie sich das Schriftbild nocheinmal genauer an und nehmen sie den Weissraum um die Schrift herum wahr.
Ich nenne diesen Raum: Das Gewahrsein.
Das Gewahrsein befindet sich jenseits der Skala, es ist die Dimension, in dem die gesamte Ordnung ihren Platz findet und somit unmessbar, weil es unendlich ist, ohne Substanz und ohne Eigenschaften
Wachheit ist die erste Bewegung und somit das Fundament: die Fähigkeit, überhaupt erst wahrnehmen zu können.
Gewahrsein bleibt die Dimension, die all das umgibt. Der raumlose Raum, in dem wir ruhen und dem wir uns hingeben können. Wenn der Kreis sich am Ende schließt – wie weit sind wir bereit, uns in diese Dimension fallen zu lassen?
Das Gedankenexperiment endet hier.
Nicht, weil der Kreis jetzt vollständig wäre, sondern weil jede weitere Linie wieder eine Entscheidung ist. Eine Entscheidung für eine Ordnung, die sich am Ende vielleicht gar nicht ordnen lässt.
Mich beschäftigt vielmehr eine andere Frage. Warum suchen wir überhaupt so beharrlich nach einer endgültigen Erklärung des Bewusstseins?
Vielleicht liegt es in unserer Natur, das Unbekannte verstehen und dann kontrollieren zu wollen.
Wir entwickeln Modelle und schaffen Kategorien. Das hat uns weit gebracht. Gleichzeitig entsteht möglicherweise mit jedem weiteren Modell eine Distanz. Zwischen uns und dem, was wir zu verstehen versuchen. Vielleicht beginnt genau dort das Gefühl von Trennung.
Aber jedes Konzept bleibt eine Vereinfachung dessen, was sie beschreibt.
Gewahrsein könnte genau an dieser Grenze liegen.
Wir können Bewusstsein untersuchen, seine Bedingungen präzesieren, seine Korrelate beschreiben und seine Erscheinungsformen ordnen. Doch derjenige, der all das betrachtet, bleibt immer Teil der Betrachtung.
Wir befinden uns niemals außerhalb dessen, was wir zu verstehen versuchen.
Genau deshalb interessiert mich der Gedanke eines Gewahrseins. Nicht als weitere Kategorie, sondern als ein möglicher Bezugsraum, in dem Kategorien überhaupt erst entstehen können.
Ob es diesen Raum tatsächlich gibt, weiß ich nicht oder ob er nur ein weiteres Erklärungsmodell darstellt.
Ich merke nur, dass sich manche Erfahrungen darin stimmiger anfühlen als in der Vorstellung, alles müsse sich irgendwann vollständig erklären lassen.
Vielleicht besteht Erkenntnis deshalb nicht nur darin, bessere Antworten zu finden. Sondern auch darin, Fragen lange genug offen halten zu können, damit sie beginnen, uns selbst zu verändern. Und somit Fragen als Kategorie nicht zu beantworten, sondern sie vielmehr als Konstante zu akzeptieren.
Eine eigene Energie, die ihre eigene Berechtigung hat.
Was wäre, wenn das Unvermessbare nie das Problem war und was, wenn es genau der Raum ist, aus dem wir überhaupt erst beginnen zu sehen?
Piet Franzius-Truhlar